Auf der Suche nach dem Grab meines Vaters

Auf der Suche nach dem Grab meines Vaters.

Der 25. April 1992

Vom 20. April bis 02. Mai 1992 war ich, zusammen mit meiner Frau, mit einer Stu­diengruppe aus der Evangelischen Landeskirche in Baden unterwegs in Moskau, St. Petersburg und Riga zu Begegnungen mit Vertretern verschiedener Kirchen. Unser Thema: „Die Weitergabe des Glaubens in Rußland und Lettland heute”

Mit unserer/Ankunft in St. Petersburg am (russisch-orthodoxen) Karfreitag (24.April) drängte sich aber für mich die Frage vollends in den Vordergrund, die mich schon bei der Vorbereitung auf diese Reise und Begegnung bewegt hatte: Wird in Krasnogwardejsk (heute wieder: Gatschina) bei St. Petersburg der Ort noch zu fin­den sein, an dem mein Vater begraben wurde? Gestorben war er dort im Lazarett am 6. April 1942 Fast auf den Tag genau 50 Jahre später, am Karsamstag, 25.

April 1992, beginnt um 15.30 Uhr von unserem Hotel aus meine Fahrt nach Gatschina, nur knappe 30 km von St Petersburg entfernt.

Tamara, die Dolmetscherin unserer Gruppe, hat ein Taxi organisiert. Mit Alexander („Sascha“) hat sie einen angemessenen Fahrpreis ausgehandelt und – wichtig für Orientierung und sprachliche Verständigung in Gatschina – sie fährt selber mit.

Zunächst fahren wir dieselbe Strecke wie am Vormittag bei unserem Besuch des Katharinen-Palastes in Puschkin. Sascha fährt zügig und gut, verlangsamt respekt­voll vor Fahrbahnbeschädigungen und ist zutiefst davonüberzeugt, dass Fußgänger immer und auf jeden Fall ein Auto – gar ein Taxi! – zu respektieren haben. Am Puschkin-Denkmal biegen wir nach rechts ab Richtung Gatschina, befinden uns jetzt im „Petersburger Gebiet“. Sascha muss 50 Rubel bezahlen wegen Geschwindig­keitsüberschreitung. Auf meine Frage, wie schneit er gefahren sei, verweist er la­chend auf den Tacho seines uralten Wolga: Der zeigt immer 20 km/h an.

Kurz vor Gatschina ein großes Denkmal mit Panzern – bis hierher war die „Deutsche Heeresgruppe Nord“ vorgedrungen, hier war ihr Einhalt geboten worden. Einige Mo­nate gehörte mein Vater als „Gefreiter Funker“ zu den Belagerern von Leningrad Am 23. November 1941 war er – nach einer Bleistift-Notiz unserer Mutter auf einem Kalenderblatt – nach Rußland „abgereist“ (vermutlich von einer Kaserne in Stuttgart aus) – seinen am 25. November geborenen jüngsten Sohn hat er nicht mehr gese­hen…“Vor Leningrad“ hat unser Vater am 1. März seinen letzten Geburtstag „gefeiert“. Einige Bilder aus dieser Zeit zeigen ihn im bitterkalten russischen Winter

Es gibt auch Bilder von dem kleinen Soldatenfriedhof in Krasnogwardejsk/Gatschina, auf dem unser Vater beerdigt wurde. Und wir haben auch, neben anderen Schreiben, einen Brief des „Kriegspfarrers“ mit dem Hinweis, dass Gotthilf Wahl „getreu seinem Fahneneid den Heldentod für das Vaterland gestorben ist“.Tröstlicher ist da schon der Hinweis in diesem Brief auf den biblischen Beerdigungstext aus 1. Korinther 3,11: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist welcher ist Jesus Christus“ – die Verheißung, an Stelle des „Heldentodes seinen Platz in der Geschichte Jesu Christi zu finden…

Sascha, kaum 30-jährig, hat keine Probleme mit mir, dem Deutschen, der sich mit seiner Geschichte herumschlägt. Er meint: „Soldaten müssen gehorchen, überall. Ihr Vater hat nichts anderes gemacht. Mit den Deutschen speziell hat das nichts zu tun,“

Ganz frei und ohne jeden Unterton spricht er von seiner Dankbarkeit für deutsche Hilfe in den vergangenen zwei Jahren nach der „Wende“. Dabei geht es ihm weniger um die „Hunger-Hilfe“ als um beginnende Investitionsbereitschaft.

Tamara mischt sich ins Gespräch ein, setzt den Akzent etwas anders. Sie wünscht sich jetzt, 1992, vor allem Engagement ihrer Landsleute zur Bewältigung der kriti­schen Situation.

Inzwischen sind wir in Gatschina angelangt, einer auf den ersten Blick wenig an­sehnlichen Industriestadt. Beim zweiten Hinschauen fällt dann auch ein Zarenpalast ins Auge, der gerade renoviert wird …In einem Brief des „Oberfeldarztes“ der Einheit unseres Vaters an unsere Mutter wird die Lage des Soldatenfriedhofs beschrieben: 400 m westlich des „Warschauer Bahnhofs“.

Nach unserer ersten Nachfrage wird uns zunächst der Weg zu einem russischen Soldatenfriedhof beschrieben: Auf den Steinen Tausende von Namen russischer Gefallener – eine Million Opfer in Leningrad in den „Neunhundert Tagen“ der Bela­gerung kommen mir in den Sinn.. Schließlich gelangen wir zum „Warschauer Bahn­hof‘. Ein Taxi-Fahrer fährt uns auf unsere Fragen hin zunächst in ein Stadtgebiet, in dem nach seiner Erinnerung beim Bau einer Siedlung Reste eines deutschen Sol­datenfriedhofs gefunden worden waren.

Zurück zum „Warschauer Bahnhof – jetzt nehmen wir den Stadtplan vom Krasnogwardejsk des Jahres 1942 zu Hilfe. Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräber­fürsorge“ hatte mir, auf eine entsprechende Anfrage, diesen Plan noch kurz vor der Reise, zusammen mit weiteren Unterlagen zu „Krasnogwardejsk/Gatschina“, zuge­schickt. Mit Hilfe dieser Unterlagen und ortskundiger Menschen konnten wir nun die Straße finden in deren Nähe der gesuchte Friedhof gelegen haben muß (die „Gartenstraße“ – der Stadtplan von 1942 enthielt tatsächlich bereits deutsche Stra­ßennamen!). Alles entspricht der alten Kartenvorlage: Rechterhand bebaut, links von der Straße Wiesen, etwas hügeliges Gelände, dahinter Wald. Auch wenn sich die. Lage – des (mit wahrscheinlich nur 58 Gräbern ja nur kleinen) Friedhofs nicht ganz genau bestimmen läßt – das Gelände ist es zweifellos.

Zur Vergewisserung fragen wir eine ältere Passantin, die aber von einem Friedhof auf diesem Gelände nichts weiß. Sie verweist uns an ein nahegelegenes „Bethaus“, wo ihrer Meinung nach jemand Genaueres wissen könnte

Das „Bethaus“: Ein kleines, sehr einfaches Gebäude, mit angebauter Blechhütte, hinter Büschen verborgen Auf dem kleinen Vorplatz Kinder, die sich am Schnee freuen, der dort noch alles bedeckt. Ein Schild weist die Gemeinde als „Freie Evan­gelische Christen“ aus – wahrscheinlich eine der in dieser Region von Finnland her unterstützten Gemeinden. Über Lautsprecher wird eine Predigt nach außen übertra­gen; während einer Viertelstunde ist unverkennbar evangelistischer Stil zu verneh­men – beschwörende Appelle eines Predigers. Sollte dies die Alternative zu einer (nach unseren ersten Eindrücken: ganz konservativen) orthodoxen Frömmigkeit sein? Schwer vorstellbar…                  ;

Der Gemeindeleiter, mittleren Alters, und ein Gemeindeglied, ein alter Mann, kom­men aus dem Bethaus. Auch ihnen ist von einem Soldatenfriedhof auf diesem Ge­lände nichts bekannt. Offensichtlich war dieser Friedhof bald wieder in Vergessen­heit geraten – oder er ist den Einwohnern von Gatschina überhaupt nie zu Gesicht gekommen, da er ja höchstwahrscheinlich von deutschen Truppen vorderen Rück­zug eingeebnet wurde, um Mißbrauch, Schändung zu verhindern…

Ich kehre also zurück zu dem zuvor schon als Friedhofsbereich identifizierten Ge­lände. suche mir dort einen Platz für meine mitgebrachten Zeichen des Geden­kens: Nelken, die ich in den Schnee stecke, sechs Kerzen für uns fünf Geschwister und für unsere vor acht Jahren verstorbene Mutter. Eine Ikonenkarte mit unseren Namen und dem Namen unseres Vaters muß noch aus dem Auto geholt werden, wird zu Blumen und Kerze gestellt

Beim schwierigen Versuch, die Kerzen anzuzünden, hilft ein Ehepaar aus Gatschi­na, das, winterlich vermummt, hier spazieren geht. Mit Englisch können wir uns über die Bedeutung der kleinen Gedenkstätte verständigen: Die Beiden nehmen herzlich und selbstverständlich an meinem stillen Gebet und Gedenken Anteil Am Auto, zu dem sie mich begleiten, gebe ich ihnen die Karte, die ich als „Versöhnungsgruß“ für einen Einwohner dieser Stadt schon zuvor geschrieben hatte.

Die Beiden werden in der Präfektur nun weiter nachfragen, wo etwas über die deutschen Soldatenfriedhöfe in Gatschina in Erfahrung zu bringen ist. Meine Un­terlagen darüber habe ich ihnen überlassen. Adressen werden ausgetauscht. Die Beiden wohnen gerade 200 m von der Wiese entfernt Ins abfahrende Auto rufen sie: „Besuchen Sie uns bald!“

Sascha und Tamara sind auf der Rückfahrt nach St. Petersburg rücksichtsvolle Be­gleiter Sie lassen mir Zeit, geben mir nach einer Weile zu verstehen, dass sie ge­merkt haben, wie wichtig diese Fahrt für mich war, – Ähnlich bewegend dann auch die Anteilnahme in unserer Reisegruppe. Es war zu spüren, dass es nicht nur um meine Suche und Geschichte ging.

Die Feier der Osternacht in einer St. Petersburger Kathedrale wurde zum bewe­genden Abschluss der Suche nach dem Grab unseres Vaters an diesem Karsamstag 1992. Unter den wunderbaren Gesängen der orthodoxen Osterliturgie und dem kräf­tigen Osterruf „Christus ist auferstanden“, von der vieltausendköpfigen Gemeinde überwältigend bestätigt mit ihrem Ruf: „Er ist wahrhaftig auferstanden!‘1 – über diesen Ostergesängen und dem Auferstehungsruf weitete sich für mich die Kuppel der Ka­thedrale. Und das Licht von Tausenden Osterkerzen leuchtete bis zu den Soldaten­friedhöfen von Gatschina, den russischen und den deutschen, und bis zum St. Pe­tersburger Friedhof mit den Hunderttausenden, die dort als Opfer liegen.

Unter Tränen wußte ich in dieser Ostenacht, weiß ich seit dieser Ostenacht unse­ren Vater und alle Opfer sinnlosen Sterbens und Mordens aufgehoben bei dem Gott, der sich persönlich dafür verbürgt: Gegen alle Mächte der Finsternis und der Ge­walt ist Jesus Christus mein Kronzeuge für den Sieg der Liebe, der Versöhnung und des Lebens. Und auf allem Wirken in diesem Geist ruht Segen.

Manfred Wahl, Offenburg

Familie Wahl am Grab des Vaters in Sologubowka, 17.05.2008