Späte symbolische Geste der Versöhnung

Auf Einladung der Stadt kommen heute zwei ehemalige Ettlinger Zwangsarbeiter aus Osteuropa

Ettlingen. Sehr spät, aber für einige wenige nicht zu spät, kommt die Geste der Versöhnung: Heute und Morgen kommen zwei ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter(innen) auf Einladung der Stadt nach Ettlingen. Es sind Nina Ageeva und Vassyl Fedorov aus der Ukraine. Ageeva war Zwangsarbeiterin in der Ettlinger Eto-Niederlassung und Fedorov beim Rüstungsbetrieb Ketten-Hetz.

Der Besuch der beiden ist der hartnäckigen Initiative von SPD-Stadtrat Wolfgang Lorch zu verdanken. Er drängte seit Jahren die Stadtverwaltung, endlich auch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus dem Osten Europas, die ehedem während des Zweiten Weltkrieges an der Alb für im Fronteinsatz befindliche junge deutsche Männer mit ihrer Hände Arbeit die Lücken in der Heimat schlie­ßen mussten, nach Ettlingen einzuladen.

Während andere Städte schon lange – so beispielsweise Karlsruhe – in einem genau fest gelegten Turnus ehemalige Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die in ihren Betrieben während des Krieges arbeiteten oder arbeiten mussten, einluden, brauchte es in Ettlingen sage und schreibe 61 Jahre, um zumindest diese symbolische Geste in die Praxis umzusetzen. Noch vergangenes Jahr war der Versuch zum 60. Jahrestag des Gedenkens an das Kriegsende ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus dem Osten Europas nach Ettlingen einzuladen, fehl geschlagen Lorch hatte im Vorfeld der 60-Jahr-Feiern auf die Dringlichkeit seines Antrags hingewiesen „Es ist schon biologisch eine der letzten Möglichkeiten, vor dem historischen Hintergrund eine menschliche Geste und ein Zeichen de konkreten Versöhnung zu setzen.“ Obwohl Lorch zu Beginn des Jahres 2005 seinen Antrag mit den Worten „Drum, wir sollten das tun was andere Gemeinden übrigens schon längs getan haben“ beschloss, dauerte es über ein Jahr, bis die Stadtverwaltung in Ettlingen den Besuch dieser zwei Zwangsarbeiter aus der Ukraine auf den Weg brachte. Bei der dortigen Nationalstiftung „Verständigung und Aussöhnung“ hatte die Verwaltung im Sommer 2005 eine Liste mit 25 Namen ehemaliger Ettlinger Zwangsarbeiter erhalten. Wie viel ehemalige Ettlinger Zwangsarbeiter aus dem früheren Gebiet der UdSSR noch leben, dürfte nur schwer zu schätzen sein. Einigermaßen gesichert dürfte die Zahl der Fremdarbeiter aus Osteuropa in Ettlingen sein.

Wie Dorothee Le Maire, Klaus-Peter Hoepke, Gerold Niemetz und Heinrich Borger in einem im November 2002 in den Ettlinger Heften erschienenen Aufsatz darstellten, kamen allein aus der ehemaligen Sowjetunion 842 Arbeitskräfte. „Selbst Zeitgenossen, die die Kriegsjahre in der Heimat bewusst miterlebt hatten, waren überrascht, als sie von dem gewaltigen Ausmaß erfuhren, das die Verwendung nichtdeutscher Arbeitskräfte in den Jahren 1939 bis 1945 angenommen hatte“, schrieben die vier Autoren. In Ettlingen sind danach über 3 000 Menschen als „Fremdarbeiter“ in Karteikarten erfasst. Aufgelistet sind auch für Ettlingen 250 „Arbeitgeber“ von „Fremdarbeitern“. Nicht selten – besonders wenn die Arbeiter in landwirtschaftlichen Betrieben unterkamen – wurden sie gut behandelt. Es gibt aber auch die Schilderung der Ukrainerin Olga S., geboren am 29. Juli 1923, so in den Ettlinger Heften zu lesen, über einen grausamen Lagerführer in einem Rüstungsbetrieb, der die Arbeiter mit der Peitsche traktierte. Sie beschreibt das Barackenleben unter Bewachung und Arbeit unter den Bedingungen von Mangelernährung.

Für die beiden Gäste aus der Ukraine gibt die Oberbürgermeisterin Gabriela Büssemaker übrigens, unterstützt von der Deutsch-Russischen Gesellschaft, am Mittwoch um 11.30 Uhr einen offiziellen Empfang im Rathaus.

Haben Sie die Stadt jemals gesehen?“

Bewegender Empfang für zwei ehemalige Ettlinger Zwangsarbeiter aus der Ukraine

Ettlingen (BNN/jcw). Ein bewegendes Moment war der Empfang für die beiden ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeiter Nina Ageeva und Vassyl Fedorov gestern Mittag durch die Stadt Ettlingen im Schloss. „Im Namen der Stadt möchte ich mich bei Ihnen stellvertretend für die vielen anderen Opfer der NS-Verbrechen entschuldigen, damit wir gemeinsam in eine friedliche Zukunft gehen können“, richtete Oberbürgermeisterin Gabriela Büssemaker an die beiden ukrainischen Staatsbürger zum Anlass passende Worte. Sie bewundere, dass die beiden Gäste, über 60 Jahre nach ihrer Befreiung, noch einmal dort­hin zurückgekehrt zu sein, wohin sie unfreiwillig aus ihren Heimatorten abtransportiert und zur Arbeit gezwungen worden seien.

Nina Ageeva war von 1942 bis 1945 Zwangsarbeiterin in der Ettlinger Eto-Niederlassung und Vassyl Fedorov beim Rüstungsbetrieb Ketten-Hetz.

Die OB verhehlte in ihrer Rede nicht, dass auch in Ettlingen das Thema Zwangsarbeiter bagatellisiert worden sei. Dabei seien in den Kriegsjahren über 3 000 Menschen bei etwa 250 Betrieben in Ettlingen zum Arbeitseinsatz herangezogen worden. „Wer Auge hatte, der konnte auch sehen, dass es Zwangsarbeiter gab“, merkte Margarete Schmidt an, die zusammen mit ihrer Freundin Greta Rauch ins Schloss gekommen war, „weil es eine moralische Verpflichtung ist“. Greta Rauch hatte zur Zeit, als Nina Ageeva bei Eto war, ebenfalls dort gearbeitet. Ein Moment der Stille kehrte ein, als sich die beiden Frauen in die Augen sahen und sich erinnerten. Die 84-jährige Ageeva und der 80-jährige Vassyl Fedorov dankten für die Freundlichkeit und für den warmherzigen Empfang der Stadt.

Tags zuvor hatten die beiden schon bei einem „Zeitzeugen-Gespräch“ im Begegnungszentrum „Am Klösterle“ über ihr drei Jahre dauernde, „unbezahlte“ Arbeitszeit in Ettlingen gesprochen. Stadtarchivarin Dorothee Le Maire protokollierte, assistiert von den Dolmetschern Eugen Faas und Renate Fröhlich, die Antworten auf die Fragen von Heimatkundler Wolfgang Lorch zu ihrem Leben in Ettlingen zwischen 1942 und 1945.

Die Frage Lorchs an Fedorov, der bei Ketten Hetz in einem Barackenlager bei der Wasenbrücke an der Alb untergebracht war, „Haben Sie die Stadt Ettlingen jemals gesehen?“ verneinte dieser. Am Sonntag, dem einzigen freien Tag der Woche, seien die Zwangs­arbeiter in Gruppen begleitet von Wachleuten auf die Höhe geführt worden. Dort habe man dann von Ferne einen Blick auf Ettlingen gehabt. An den Standort der Zwangsarbeiter-Baracken konnte sich Feodorov zum Erstaunen der Ettlinger um so besser erinnern und genau beschreiben, wie sie damals untergebracht worden sind. Der Chef Fritz Hetz sei korrekt mit ihnen – im Gegensatz zum Lagerleiter – umgegangen. Ebenfalls genau erinnern konnte sich Nina Ageeva, wo sie arbeite­te. „Bulacher Straße 20″ kam wie aus der Pistole geschossen. Ihr erging es weit besser, weil der Leiter der Abteilung bei der Firma Eto Töchter im gleichen Alter hatte und deshalb für sie Sympathien entwickelt habe. Sie sei sogar mit anderen ukrainischen Leidensgenossinnen in die Familie eingeladen worden. Auf die Frage nach ihrem heutigen Bild über Deutschland ist sie voll des Lobes: „Es wäre schön, wenn bei uns in der Ukraine die Alten, Invaliden und Behinderten ähnlich gut behandelt würden.“

BNN,  Johannes-Christoph Weis,