Vereine zwischen Demokratie und Sowjetsystem

Agnes Gilka-Bötzow hatte Unterstützung aus Ettlingen bei ihrer Feldforschung in Gatschina

Соединение демократии с советской системой

 В своей исследовательской работе, которую она проводит в Гатчине, Агнес Гилка-Бётцов получает поддержку из Эттлингена.

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Ettlingen/Gatschina.  Eine Recherche im Internet ist schuld daran, dass Agnes Gilka Bötzow zum ersten Mal in Ettlingen ist.  Tou-ristisches Interesse steckt mitnichten dahinter.  Die 25-jährige Studentin aus Potsdam interessiert sich mehr für Russland, denn für Barockschlösser, Festspiele oder Renaissance im Badischen.  Dies, so erläutert sie bevor sie in der Volkshochschule über ihr Spezialgebiet referiert, führt aber unweigerlich nach Ettlingen, wenn der Blick durch eine Suchmaschine wie Google auf Gatschina fällt.

Schließlich gibt es die wesentlich von der Deutsch-Russischen Gesellschaft gepflegte Städtepartnerschaft.  Und die hat durchaus Anteil daran, unter welchen Bedingungen Gilka-Bötzow den “Beitrag der lokalen Zivilgesellschaft zur Konsolidierung der Demokratie in Russland” erforschen konnte.

   In Gatschina, versteht sich, und dies hat andere Ursachen.  Vorneweg die Lage bei Petersburg, wohin die Universität Potsdam eine Partnerschaft pflegt.  Entscheidender für Gilka-Bötzow war jedoch, dass es dort über 80 Vereine, Initiativen, Clubs und unabhängige Organisationen gibt.  “Für eine russische Stadt mit rund 80 000 Einwohnern ist dies viel”, auch wenn nur um die 40 tatsächlich aktiv sind, wie die gebürtige Bayreutherin herausfand.  Gilka-Bötzow führt das auf die Gesamtstruktur in Gatschina zurück.  “Es gibt keinen Monopolarbeitgeber, sondern relativ zahlreich kleine und mittlere Betriebe.” Dies, so glaubt sie, fördert vielschichtige, unabhängige Aktivitäten in der Gesellschaft.  Dass dadurch per se auch Demokratie gefördert wird, wie bei Politikwissenschaftlern oft behauptet, verweist die angehende Verwaltungswissenschaftlerin in den Bereich der Märchen.

Die Masse macht’s, so ihre Erkenntnis nach sechs Wochen Feldarbeit.  Je mehr Bürgerinitiativen, Vereine und kirchliche Organisationen, desto mehr sind dabei, die demokratisches Leben fördern.  Verliefe der Prozess von unten nach oben und nicht wie so oft umgekehrt, böten sie eine Basis für eine der Gesellschaft und ihren Traditionen angemessenes System, meint Agnes Gilka-Bötzow.  Ehrenamtliches Engagement, Organisationsgrad und die Fähigkeit zur Interessenvertretung gehören zu den Dingen, die sie für ihre Diplomarbeit untersucht hat.  Dabei fiel ihr in Gatschina auf, dass es nicht nur viele freie Organisationen gibt, sondern diese auch neue Themen in die Gesellschaft brachten.  Die “Freunde des Gatschina-Parks” zum Beispiel.  Sie griffen für ihr Ziel sogar in die Kiste des untergegangenen Sowjetregimes und erweckten den “Subbotnik” – den freiwillig verpflichtenden Arbeitseinsatz zu neuem Leben: Zweimal im Monat arbeiten 30 bis 40 Leute für den Park und damit aus ihrer Sicht für die touristische Entwicklung der Stadt.

Mehr über die Entwicklungen in Gatschina halten die Mitglieder der Deutsch-Russischen Gesellschaft bald auch schriftlich in Händen.  Sie bekommen ein Exemplar der Diplomarbeit, in der nicht zuletzt ihr 212 Mitglieder starker Partnerverein gewürdigt wird.  Dass daneben auch traditionelle Vereine wie der Sowjet der Veteranen hohe Berechtigung hat, steht für Gilka-Bötzow außer Frage.  Er ist Heimat für etwa 16 000 Mitglieder in einer Zeit großer Veränderung und entsprechend auch Verunsicherung.

   Die Studentin gewann ihre Erkenntnisse in unzähligen Interviews.  Die Landessprache Russisch brachte sie dafür selbst mit, Hilfestellung, die gesellschaftlichen Verhältnisse besser zu durchschauen, bekam sie von einem jungen Politologen.  Und dass sie ihn überhaupt kennen lernte und sie sich “mit offenen Armen empfangen fühlte, ist auch ein Verdienst der Deutsch-Russischen Gesellschaft”.                            

 Edith Kopf.

 Эттлинеген/Гатчина. В том, что Агнес Гилка-Бётцов впервые приехала в Эттлинген, виноват поиск а интернете. За ним ни в коем случае не стоял интерес к туризму. 25-летняя студентка из Потсдама интересуется в большей мере Россией, нежели барочными замками, фестивалями и ренессансной архитектурой Бадена. Как она пояснила перед докладом по своей специальности, сделанным ею в народной высшей школе, когда просматриваешь такую поисковую систему, как „Гугл“, то взгляд тут же падает на Гатчину, и это непременно приводит в Эттлинген.

  В конце концов существует партнерство между городами, поддерживаемое по существу немецко-русским обществом. И оно входит в виде составной части в круг тех проблем, которые Гилка-Бётцов исследовала в своей работе „Вклад локального гражданского общества в консолидацию демокртических сил в России“.

   Для Гатчины это само собой разумеющаяся проблема, и на это есть свои причины. Прежде всего это ее положение пригорода Санкт-Петербурга, с которым Потсдамский университет поддерживает партнерские связи. Однако, для Гилка-Бётцов решающее значение имеет то, что там существует свыше 80 объединений, инициативных движений, клубов и независимых организаций. Как удалось выяснить уроженке Байройта, „Это очень много для российского города с населением около 80.000 человек, даже если среди них активной деятельностью занимаются на самом деле только 40.000“. Гилка-Бётцов считает, что это связано с общей струтуры Гатчины. „Там нет какого-то одного работодателя-монополиста, но существует относительно большое количество малых и средних предприятий.“ Как она полагает, это способствует развитию многоплановой и независимой активности общества. То, что это, как  часто утверждают политологи, уже само по себе может поддерживать демократию в обществе, начинающий исследователь-управленец относит к области фантазии.

  Результаты ее шестинедельной практической деятельности показывают, что это верно только для общей массы населения. При этом, чем больше появляется гражданских инициатив, объединений и церковных организаций, тем большую поддержку получают демократические движения. Агнес Гилка-Бётцов полагает, что если процесс идет снизу вверх, а не, как это часто бывает, наоборот, эти инициативы создают систему, соразмерную обществу и его традициям. Участие в общественной работе, создание общественных организаций и способность выражать интересы  – все эти вещи стали предметом исследования ее дипломной работы. Кроме того в Гатчине ей бросилось в глаза, что там не только много организаций, но что эти организации также предлагают обществу новые темы. Примером тому могут служить „Друзья гатчинского парка“. Они использовали для достижения своих целей даже забытое понятие из лексикона советского режима „субботник“ (добровольное участие в работах) и возродили его к жизни: два раза в месяц от 30 до 40 человек работают в парке и таким образом, как они считают, способствуют развитию туризма в городе.

   Вскоре члены немецко-русского общества получат более обширную письменную информацию в виде экземпляра письменной работы, в которой отмечены не в последнюю очередь и 212 участников его крепкого партнерского объединения. У Гилка-Бётцов нет сомнения в том, что кроме того значительные полномочия сохраняются у такого традиционного объединения, как совет ветеранов. В него входят 16000 членов, живущих в условиях значительных перемен, и, соответственно, испытывающих сильную неуверенность.

   Студентка завоевала признание, давая многочисленные интервью. В своей работе она использовала для более ясного понимания общественных отношений народный русский язык, в чем ей помог один молодой политолог. То, что она с ним вообще смогла познакомиться и „была им принята с распростертыми объятьями, также есть заслуга немецко-русского общества“.

 

 

„Gesellschaftliches und politisches Leben in Russland –
ein Erfahrungsbericht aus Gatschina“

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Russland-Interessierte,

 

–        freue mich, dass Sie gekommen sind.

–        herzlichen Dank für die Einladung durch die Deutsch-Russische Gesellschaft und die VHS, besonders Herrn Laier

–        zu meiner Person:

o      Studentin der Politik- und Verwaltungswissenschaft Uni Potsdam

o      komme aus kleinem Dorf bei Bayreuth (daher Interesse für lokale Zusammenhänge, Kommunalpolitik)

o      Russisch gelernt nach dem Abitur, dann 6 Monate St. Petersburg, dort die Liebe zu Russland entdeckt, während des Studiums verfolgt, bis zur Diplomarbeit

–        Vorstellungsrunde? (Name, mit welchem Interesse hierher gekommen)

–        Fragen ans Publikum:

o      Wer war schon in Gatschina?

o      Wer war in Russland, aber nicht in Gatschina?

–        Bei Fragen bitte sofort einhaken!

 

–        Diplomarbeit:

o      Thema: „Der Beitrag der Zivilgesellschaft zur Konsolidierung der Demokratie in Russland – empirische Fallstudie einer Mittelstadt im Leningrader Gebiet“.

o      6 Wochen Aufenthalt in Gatschina (2 Wochen Frau Baklitzkaja)

o      Warum gerade Gatschina?: Weil ich ziemlich sicher war, dort Zivilgesellschaft vorzufinden: (Organisationen im Internet, Russisch-Deutsche Gesellschaft, Administration macht internationale Projekte). Wollte nicht in das allgemeine Klagelied über die nicht vorhandene oder zumindest „schwache“ russische Zivilgesellschaft einstimmen.

o      Außerdem: nicht weit von St. Petersburg, Uni-Partnerschaft (DAAD).

Meinen Vortrag möchte ich mit einer Frage beginnen:

 

Ist Russland eine Demokratie?

 

–        es gibt eineb demokratische Verfassung

–        es gibt regelmäßige Wahlen, deren Ergebnisse anerkannt werden

–        es gibt ein Parlament, Parteien (wenn auch sehr viele und bis auf die KPRF in jeder Legislaturperiode andere), ein Verfassungsgericht.

–        Auch auf regionaler und lokaler Ebene gibt es Wahlen, also Gewaltenteilung nicht nur zwischen Legislative/Exekutive/Judikative, sondern auch zwischen Zentrum und Regionen.

–        seit Putin ist das Land stabiler geworden, er ist ein gerngesehener Gesprächspartner  im Ausland

 

Aber:

 

–        wie viele freie, unabhänige Medien gibt es noch?

–        wie stark ist die Staatsduma angesichts des allmächtigen Präsidenten, zersplitterter Parteien wirklich?

–        Wie sieht es mit der Verflechtung zwischen Staat und Wirtschaft aus, den vielzitierten Oligarchen?

–        was ist mit den Menschenrechtsverstößen im Krieg in Tschetschenien

 

>> viele Mängel.

 

–        Ein Defizit, das mir besonders unheimlich ist, ist der Mangel an gesellschaftlich und politisch interessierten und aktiven Leuten. Staatsbürger, die sich dafür interessieren, was in ihrem Gemeinwesen passiert. Nicht nur in Moskau, sondern auch vor der eigenen Haustüre, in der Straße, im Dorf, in der Stadt. Öffentliches gesellschaftliches oder politisches Engagement in Form von Vereinen, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen, Nichtregierungsorganisationen ist die Ausnahme.

–        Die Menschen leben stärker im Privaten, in der berühmten Küche.

 

–        Warum?

–        Gründe in der Geschichte: Sozialistisches Erbe: Vertrauen auf den Staat, statt Dinge selbst in die Hand zu nehmen? Von der Wiege bis zur Bahre ins sozialistische Kollektiv eingebettet und vom Staat versorgt. Wenn auf persönliche Netzwerke (Freunde, Familie). Parallele DDR: Der Versorgungsmangel wurde mit Hilfe dieser Nachbarschafts- und Familienhilfe ausgeglichen >> die soziale Wärme, die nach der Wende viele Ostdeutsche vermissten. (Beispiel Gastmutter: „Den Direktor der Philharmonie? Kenne ich.“ Karten für die Philharmonie gegen Kartoffelsäcke aus dem landwirtschaftlichen Institut der Uni).

–        Im Sozialismus war gesellschaftliches Leben staatlich organisiert, in der Partei, der Gewerkschaft, den Massenorganisationen wie Komsomol. (Auch in der DDR heute als Gegenreaktion weniger Vereine und Vereinsmitgliedschaft als in Westdeutschland).

 

„Wissen Sie, während der Jahre der sowjetischen Herrschaft haben wir uns daran gewöhnt, dass die kommunistische Regierung für uns entscheidet und wir nur passiv danebenstehen und zusehen. (…) Jetzt hat der Staat gesagt: ‚Bürger, der Staat ist euch nichts schuldig. Übernehmt selbst die Verantwortung für Euch und für Euer Leben.’ Und das ist richtig so, die ganze Welt lebt so. (…) Doch die Bürger sind es noch nicht gewöhnt, Verantwortung zu übernehmen.“ (Novosëlov 23.2.03).

 

–        Doch auch vor der Revolution blieb unter den meist absolutistischen Zaren wenig Raum für die Herausbildung eines städtischen Bürgertums.

–        Auch Orthodoxie und das Fehlen der Philosophie der Aufklärung wird als Grund für diese nach innen gerichtete, eher autoritätsgläubige Haltung genannt.

 

>> nicht viel mit Spekulationen über die historischen Ursachen aufhalten.

 

–        Der Befund ist jedoch klar: In Russland fehlt ein neben anderen ein wichtiges Element der Demokratie: engagierte und am öffentlichen Leben interessierte Bürger, die sich zusammenschließen um ihre Interessen und Probleme zu diskutieren, gegenüber der Politik zu vertreten, oder sie am besten selbst zu lösen. Kurz: eine lebendige Zivilgesellschaft.

–        Zivilgesellschaft kann man definieren als den Bereich des öffentlichen Lebens zwischen Individuum und Staat.

–        Zu ihr gehören:

o      Vereine (wie die Deutsch-Russische Gesellschaft, aber auch der Sportverein, der mitgliederstärkste Verein in Deutschland)

o      Verbände (Wohlfahrtsverbände)

o      Selbsthilfegruppen (Anonyme Alkoholiker)

o      Gewerkschaften

o      Nichtregierungsorganisationen (Amnesty International, Greenpeace)

o      Bürgerinitiativen

o      Kirchen, Kirchengemeinden (manche sagen nein)

 

 

 

 

Zu einer lebendigen, pluralistischen Demokratie gehört nicht nur eine Verfassung, ein gewählter Präsident, ein gewähltes Parlament und andere staatliche Institutionen. Zu ihr gehört auch eine Zivilgesellschaft.

Warum? Was haben zum Beispiel Vereine mit Demokratie zu tun?

–        sie organisiert Interessen, gerade von Minderheiten oder neue Interessen (z.B. Umweltschutz)

–        in zivilgesellschaftlichen Organisationen werden demokratische Verhaltensweisen eingeübt, auf niedrigster Ebene („Schule der Demokratie“), z.B. dass man Mehrheitsentscheidungen akzeptieren muss, Toleranz, Gewaltfreiheit, anderen zuhören.

–        hier wird politischer Nachwuchs rekrutiert, die meisten Lokalpolitiker haben sich erstmal in Vereinen erprobt, Reden gehalten etc.

–         Zivilgesellschaft erbringt durch ehrenamtliche Arbeit und bürgerschaftliches Engagement wichtige Dienstleistungen (vom Sportverein über kulturelle Leistungen z.B. der Gesangsvereine bis zu den professionellen sozialen Diensten der Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie). Um alle diese Dinge muss sich schon nicht mehr der Staat kümmern.

 

–        Eine lebendigere Zivilgesellschaft könnte der Demokratisierung in Russland also einen wichtigen Impuls geben.

 

–        Frage, die mich umgetrieben hat: Die russische Zivilgesellschaft ist generell schwach, ja. Aber wie sieht es „vor Ort“ aus, auf der lokalen Ebene? Lassen sich vielleicht dort schon erste zarte Ansätze erkennen? Hat sich nicht doch in den über zehn Jahren seit dem Ende der Sowjetunion etwas verändert? Gibt es dort vielleicht Hoffnung für die russische Demokratie?

–        Ich wollte es genau wissen. Deshalb bin ich nach Gatschina gefahren und habe sie gesucht, die Zivilgesellschaft, die es angeblich nicht gibt.

 

Was habe ich gefunden?

–        Allererster Besuch in Gatschina war sofort ein „Volltreffer“: „Subbotnik“ der Gesellschaft der Freunde des Gatschinaer Parks. (>> Dias)

o      Regelmäßig jeden zweiten Sonntag im Monat

o      5 Jahre alt

o      über 70 Personen in Kartei, meistens kommen 30-40

o      verschiedenste gesellschaftliche Gruppen (Rentner, Lehrer, Stadträte)

o      Wiederbelebung der Subbotniks, relativ hoher Einsatz von Ehrenamtlichen

 

 

 

„Wenn man bedenkt, dass es in der UdSSR keine Zivilgesellschaft gab (…), dann kann man sagen, hier entsteht sie. Was ist das, Zivilgesellschaft? Das ist wenn die Bevölkerung Eigeninitiative ergreift, sich selbst organisiert. Wenn sie sich selbst organisiert, dann kann sie etwas erreichen; wenn sie für etwas die Verantwortung übernimmt. Das ist wahrscheinlich Zivilgesellschaft. (…) Ich werde nicht warten bis Präsident Putin das entscheidet, oder unser Bürgermeister. Wir wollen das selbst machen und das können wir auch.“ (Semënov in Kozljatnikov/ders. 23.2.03).

 

–        Von dort aus kamen dann Kontakte zu vielen anderen Organisationen zustande

–        ca. 25 Interviews (Administration, Organisationen, Hintergrundgespräche)

–        Insgesamt: 40 Organisationen, die tatsächlich existieren (Ermittlungsprobleme, Registrierung, Karteileichen)

–        Im Vergleich zu Deutschland nicht viele (Frankfurt (Oder) über 300, Ettlingen?), für russische Verhältnisse war ich und viele „Experten“ überrascht. Für St. Petersburg geht man von ca. 300 aktiven Organisationen aus.

–        Fazit: Man findet mehr, wenn man genauer hinschaut.

–        Tätigkeitsbereiche:

o      Soziales (v.a.): Sowjet der Veteranen (stärkste Organisation, 16.000), Uzniki, Behinderte ….

o      Jugendorganisationen

o      Frauenorganisationen (Zentrum für Opfer häuslicher Gewalt)

o      Ökologische Bewegung

o      Bürgerrechte (Memorial)

o      Kultur und Heimatpflege (DRG, Park-Freunde)

o      Wirtschaft (Vereinigungen großer und kleiner Unternehmer)

o      Religion (zweitgrößte Gruppe): orthodoxe, aber auch katholische und protestantische Kirchengemeinden

 

Gemeinsame Merkmale der Organisationen in Gatschina:

–        nur wenige haben eine feste Mitgliedschaft, Mitgliedsbeiträge spielen kaum eine Rolle (Ausnahmen: RDG, ev. Gemeinde, evtl. geprägt von westlichen Partnern)

–        rein ehrenamtliches Engagement ist eher die Ausnahme (Rentner, oder Leute, die Job mit Ehrenamt verbinden)

–        Relativ viele Organisationen werden von der Stadt unterstützt (ca. 30 % der Einnahmen der untersuchten Organisationen). Vereinsförderung insgesamt 0,1 % des Haushalts, in Kassel 1 % des Haushalts.

–        Lokale Wirtschaft ist auch nicht unbedeutend: 2/3 der Organisationen erhalten Spenden von Unternehmen, allerdings oft Sachspenden (mehr als in Deutschland, Bsp. Tee + Würste für Park-Freunde)

 

Welche drei Typen von Organisationen gibt es, was machen sie, was zeichnet sie aus?

 

  1. Alte, noch aus der Sowjetzeit stammende:
    1. Sowjet der Veteranen/Veteranen Afghanistans
    2. Gesellschaft der Invaliden/Behinderten
    3. Organisation der Blockade-Opfer
    4. Frauen-Sowjet („Frauen des Leningrader Gebiets“)
    5. Such- und Rettungsklub „Edelweiß“

–        sowjetische „gesellschaftliche Organisationen“, national organisiert, Zusammenschlüsse von priveligierten Empfängern staatlicher Sozialleistungen

–        relativ mitgliederstark (16.000)

–        regelmäßig finanziell von der Stadtverwaltung unterstützt (ca. 50.000 Rubel / 1.500 Euro pro Jahr)

–        Räume von der Stadt gestellt, meist im Kultur-Zentrum für Jugendliche (Centr Tvorchestva Junych)

–        Ansichten eher konservativ (Interview Veteranen: national – Kommunisten, lokal – Bogdanov = heute parteilos, aber alte kommunistische Eliten seit 1987)

–        gute Beziehungen zur Administration und Stadtrat, Beteiligung an Gremien und Runden Tischen (Korporatismus, Vgl. Jugendhilfeausschuss). 

–        Wichtige Leistungen: Heimat für „Verlierer des Umbruchs“, gegenseitige Hilfe, Interessenvertretung und Information gegenüber der Stadtverwaltung (Organisationen der Veteranen in Mikrorajons informieren über Probleme in Wohnblocks etc.)

–        Nicht direkt selbst Träger der Demokratisierung, aber wichtige Funktion für „Abfederung“ der Folgen des Umbruchs, kleines aber wichtiges Stück Kontinuität.

 

  1. Neue Organisationen, in Perestroika oder danach entstandene:
    1. Gesellschaft der Park-Freunde
    2. Russisch-Deutsche Gesellschaft
    3. Memorial
    4. Zentrum für Opfer famliärer Gewalt
    5. Ökologische Bewegung

 

–        Stechen westlichen Besuchern zuerst ins Auge, internationaler orientiert, wirken offener, haben z.B. Homepage

–        nicht so eng mit der Stadtverwaltung verflochten wie die „alten“ Organisationen, Park-Freunde sind sogar stolz auf ihre Unabhängigkeit

 

„Wir sind stolz darauf, dass unsere Gemeinschaft mit nur minimalen Mitteln groß geworden ist, ohne jegliche Unterstützung der Administration. Wir haben in keinster Weise vor, uns mit der Administration anzulegen, aber wir verfolgen eben vollkommen unabhängig unsere Politik.“ (Kozljatnikov in ders./Semënov 23.2.2003).

–        Keine feindliche Beziehung, überhaupt scheint es wenig offene Opposition zu Bogdanov zu geben. Selbst bei Gegnern gilt er als „choroshij chozjajstvennik“, guter Kommunalpolitiker, der die lokale Wirtschaft und den Haushalt im Griff hat (kommunale Wärmeversorgung).

–        Weiterer Grund für Schwäche der Opposition: Süddeutsche Ratsverfassung plus Vetorecht des Bürgermeisters, kaum Bedeutung von Parteien.

–        Jedoch: nur Memorial ist in städtisches Gremium eingebunden.

–        Andere haben eher schlechtere Kontakte in die lokale Politik: ‚zwischen Tür und Angel-Strategie’. Die Vorsitzende der ‚Ökologischen Bewegung’ etwa muss, so erzählt sie, den Bürgermeister bei öffentlichen Veranstaltungen oder im Foyer der Administration ‚abpassen’. Wenn er dann auf sie zukommt und sie begrüßt, trägt sie ihm schnell ihr momentanes konkretes Anliegen vor. Daraufhin bittet er sie in der Regel, ihm einen Brief oder ein Fax zu schreiben, was bis jetzt immer zum Erfolg geführt hat

–        Positiv oder negativ? Positiv: Unabhängigkeit.  Negativ: mehr Synergieeffekte möglich, „alte“ Organisationen haben mehr Insider-Informationen

–        Außer Memorial keine regelmäßige Unterstützung von der Stadt, eigene Einnahmen (Park-Freunde: lokale Wirtschaft, RDG: DRG und Mitgliedsbeiträge, Zentrum: Ausland, Ökologische Bewegung: Rajon, Oblast, staatl. Atomaufsicht)

–        politische Einstellung der Aktivisten: eher liberal/demokratisch, reformfreundlich. (Memorial-Chef war Dissident, Kozljatnikov nie in der Partei, Ökologische Bewegung entstand im Tschernobyl-Kontext)

–         Leistungen: neue Themen (Ökologie, Missbrauch), viel ehrenamtliches Engagement (Park-Freunde, RDG), professionelle Dienstleistungen (Zentrum, RDG).

 

–        Fazit: beide Gruppen haben wichtige Aufgaben und beleben das lokale politische und gesellschaftliche Leben in Gatschina.

–        Interessant: Die zwei Gruppen haben kaum etwas miteinander zu tun.

–        Untereinander ja (alte: Büronachbarn im Kulturzentrum, neue: Gesellschaftlicher Bürgerrat Portal)

–        Zwischen den zwei Gruppen nein: Golubeva zählte immer nur alte Organisationen auf, verschwieg das Zentrum. Semjonov/Kozljatnikov sagen, der Bürgermeister halte die „alten“ Organisationen für „richtige“ Zivilgesellschaft. Sie halten eher sich selbst für „richtige“ Zivilgesellschaft.

 

  1. Gruppe: Kirchengemeinden

–        spielen sie eine ähnlich große Rolle in der sozialen Fürsorge wie bei uns?

–        alt: orthodoxe Kirche (gute Beziehungen zum Bürgermeister, der sich gern mit dem Priester öffentlich sehen lässt; begrenzte punktuelle soziale Dienste, Sonntagsschule, Soldaten in Tschetschenien)

–        neu: evangelisch-lutherische finnischsprachige Gemeinde (kaum Beziehungen zur Administration, wenn dann als Geber, soziale Dienste für Mitglieder, Unterstützung aus Finnland, ehrenamtliche Diakonissen)

–        noch kaum systematische soziale Dienste durch die Kirche.

–        Aber: orthodoxe Kirche plant Altenheim

 

 

Ausgangsfrage: Gibt es Hoffnung für die Entwicklung der Demokratie in Russland?

 

Meine Antwort: Ja.

 

Nicht fatalistisch urteilen auf Grund von Geschichte, das Schicksal ist nicht unausweichlich. Aber Zivilgesellschaft kann nicht „von oben“ aufgesetzt werden, sie muss von unten wachsen.
Und zwar vor Ort, auf der lokalen Ebene. Deshalb sind Einrichtungen wie Städtepartnerschaften so wichtig. 

Gatschina ist ein bisschen eine besondere Stadt, daher ist ein Blick nach Gatschina vielleicht ein „Blick in eine (mögliche positivere) Zukunft Russlands“.

–        wirtschaftlich einigermaßen ok, diversifizierte Wirtschaftsstruktur, auch Dienstleistung

–        Nähe zu St. Petersburg

–        Stolz auf alte, historische Stadt, Park und Schloss (kulturelle Aktivität, Orchester, Chöre)

–        technische Intelligenz (Institut für Kernphysik)

–        Indiz: Jabloko (Jawlinskij). Dumawahlen 1999: RF 6 %, Gatschina 10 %, ähnlich bei Präsidentschaftswahlen. Kommunisten schneiden schlechter ab als im Landesdurchschnitt.

–        in den 80er Jahren aktive oppositionelle Perestroika-Bewegung, die bis nach St. Petersburg Wellen geschlagen hat. In den ersten teilweise frei gewählten lokalen Sowjets waren in Gatschina als einziger Kommune im Leningrader Gebiet die Kommunisten in der Minderheit

 

 

Auch wenn Gatschina vielleicht ein paar Besonderheiten hat. Die Untersuchung hat gezeigt. Wer genau hinschaut, der findet (auch die angeblich nicht existente Zivilgesellschaft).

 

Ich denke, es gibt Grund zur Hoffnung für eine wirkliche Demokratisierung Russlands. Aber diese Hoffnung stützt sich nicht auf Putin, sondern auf die Menschen in Russland, gerade die jüngeren, die langsam lernen, mit der neuen Freiheit umzugehen und etwas daraus zu machen.

 

Soziales

 

1

Sowjet der Veteranen des Krieges, der Arbeit, Streitkräfte u. Rechtschutzorgane

L

2

Gatschinaer Organisation ‚Bewohner Leningrads unter der Blockade’

L

3

Union ehemaliger minderjähriger Häftlinge faschistischer Konzentrationslager

S

4

Gesellschaft der Behinderten

L

5

Gesellschaft der Tauben

S

6

Gesellschaft der Blinden

S

7

Union der Veteranen Afghanistans

L

8

Fond zur Unterstützung der Opfer von Tschernobyl

L

9

Christlicher gesellschaftlicher wohltätiger Fond ‚Kloster der Barmherzigkeit’

L

10

Klub kinderreicher Mütter

S

11

Klub junger Familien

S

 

Jugend/Erziehung

 

12

Rettungsklub ‘Edelweiß’

L

13

Militär-Patriotischer Klub ‘Vaterland’

S

14

Klub “Rovesnik-rovesniku”

S

 

Frauen

 

15

Frauen des Leningrader Gebietes

L

16

Zentrum für Opfer häuslicher Gewalt

S

 

Umwelt

 

17

Ökologische Bewegung

L

 

Bürgerrechte

 

18

Memorial

L

19

Organisation für Verbraucherschutz ‚Gerechtigkeit’

L

20

Bürger-Initiative

L

 

Kultur und Heimatpflege

 

21

Russisch-Deutsche Gesellschaft

L

22

Fond zur Förderung von Heimatkunde und der Kunstgalerie ‚Fond Monachov’

L

23

Gesellschaft der Freunde des Parks von Gatschina

S

24

Tatarisch-baschkirische Gesellschaft ‚Juldasch’

L

25

Gesellschaft der Ingermanland-Finnen ‚Inkeri-Seura’

L

 

Wirtschaft

 

26

Vereinigung der Industriellen und Unternehmer des Leningrader Gebiets

L

27

Vereinigung der kleinen und mittleren Unternehmen der Stadt Gatschina

L

28

Gatschinaer Handels- und Industriekammer

L

 

Religion

 

29

Orthodoxe Gemeinde der Pavlovlskij-Kathedrale

L

30

Orthodoxe Gemeinde der Marienburger Pokrovskij-Kathedrale

L

31

Orthodoxe Gemeinde der Pokrovskij-Kathedrale

L

32

Gemeinschaft der orthodoxen Kirche der Mutter Gottes Deržavnaja

L

33

Evangelische finnischsprachige Gemeinde

L

34

Kirche der evangelischen Christen ‚Barmherzigkeit’

L

35

Kirche der freien evangelischen Christen

L

36

Kirche der evangelischen baptistischen Christen

L

37

Gemeinde der Mutter Gottes der römisch-katholischen Kirche

L

 

Freizeit

 

38

Tanzsports-Föderation des Leningrader Gebiets

L

39

Laiensportklub für Kinder und Jugendliche ‚Kanku’

L

40

Allrussische Gesellschaft der Kraftfahrer

L

 

Name der Organisation

‚Mitglieder’

aktive Mitglied.   

bezahlte Mitarbeiter

Haushalt 2002

Einnahmen Administration

Einnahmen Unternehmen

Mitglieds-beitrag

Einnahmen  Ausland

gegründet

Vorgänger in UdSSR

 

Sowjet der Veteranen

16.000

2000

1

50.000 R.

regelmäßig

 

 P

 

 –

 

 –

1987

 

 P

Frauen des Leningrader Gebiets

300

32

 –

k.A.

regelmäßig

 

 P

 

 –

 

 –

1998

 

 P

Gesellschaft der

Behinderten

7.000

6

6

60.000 R.

regelmäßig

 

 P

 P

 –

1992

 

 P

 

Memorial

500

20

 

 –

40.000

regelmäßig

 –

 

 –

 

 –

1992

 –

 

Rettungsklub ‘Edelweiß’

49

5

1

60.000 R.

regelmäßig

 

 P

 

 –

 

 –

1979

 P

Militär-Patriotischer Klub

25

4

1

44.200 R.

regelmäßig

 

 P

 P

 –

1998

 

 –

 

Ökologische Bewegung

900

40

 –

208.000 R.

sporadisch

 

 P

 

 –

 

 –

1990

 

 –

Gesellschaft der Freunde des Gatschinaer Parks

7

70

2

10.000 R.

sporadisch

 

 P

 

 –

 

 –

1997

 

 –

Zentrum für Opfer

häuslicher Gewalt

10

5

 –

86.800 R.

 –

 –

 

 –

 

 –

2000

 

 –

Ev. finnischsprachige

Gemeinde

882

13

6

150.000 R.

 –

 –

 P

 P

1994

 

 –

Orthodoxe Pavlovskij-Gemeinde

1000-1500

k.A.

30

k.A.

 

 –

 P

 

 –

 

 –

?

 P

Russisch-Deutsche

Gesellschaft

212

18

5

72.788 R.

 

 –

 P

 P

1991

 –